Wie man Kompliziertes einfach sagt

Einer muss sich quälen, der Autor oder sein Leser. Ein bisschen Theorie kann helfen, die Qualen für beide zu lindern: zum Beispiel das Hamburger Verständlichkeitsmodell. Es gehört zu den Klassikern der Verständlichkeitsforschung.

Hamburger Wissenschaftler um den Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun traktierten Testleser bereits Anfang der 70er Jahre mit Sachtexten, die jeweils den gleichen Inhalt transportierten, aber unterschiedlich formuliert waren.

Eine Gruppe von Probanden schätzte ein, wie stark auf einen Text bestimmte Eigenschaften zutrafen, zum Beispiel “übersichtlich” versus “unübersichtlich”. Eine zweite Gruppe las die Texte mit dem Auftrag, sich möglichst viele Fakten zu merken. Je mehr Informationen die Tester behalten konnten, desto verständlicher der dazugehörige Text, so die Annahme der Forscher.

Mit Hilfe einer Faktorenanalyse (statistisches Rechenverfahren) identifizierten die Forscher vier Stellschrauben, an denen man drehen kann, um einen Text verständlicher zu machen:

STELLSCHRAUBE 1: Einfachheit
Wenn Sie verstanden werden wollen, sollten Sie einfache Worte verwenden und möglichst einfache Sätze konstruieren. Das klingt banal, wird aber häufig missachtet. Verstehen Sie beispielsweise folgenden Satz aus der „Stuttgarter Zeitung“? „Seine Skizzierung von Musils Ideen, die Satzfragmente des Originals mit eigenen Bonmots durchschießt und aus dem Fundus der Geistesgeschichte garniert, lässt zwar Aperçus aufblitzen, doch Licht auf den Gegenstand wirft dieses Funkeln wenig.“

STELLSCHRAUBE 2: Ordnung
Ein Autor, der seine Argumente und Informationen wie Kraut und Rüben über den Text verstreut, macht es seinen Lesern unnötig schwer. Wie die optimale Gliederung für ihren Text aussieht, hängt von der Absicht ab, die Sie verfolgen. Ein Kommentar ist eben anders gebaut als eine Nachricht.

STELLSCHRAUBE 3: Prägnanz
Schreiben Sie nicht nachfolgen, wenn Sie folgen schreiben können! Schreiben Sie nicht: die Bereiche Marketing und Vertrieb arbeiten bei uns im Hause eng zusammen. Sondern: Bei uns arbeiten Marketing und Vertrieb eng zusammen. Heiße Luft in Texten raubt den Lesern die Motivation. Sie müssen erst mühsam das sprachliche Gestrüpp beiseite räumen, um zum eigentlichen Sinn vorzudringen. Ersparen Sie ihren Lesern jeden Buchstaben, den sie nicht brauchen!

STELLSCHRAUBE 4: Anregende Zusätze
Um abstrakte Fakten begreifbar zu machen, helfen Einfachheit, Ordnung und Prägnanz allein nicht weiter. Würzen Sie ihre Geschichte mit Beispielen, Anekdoten und Vergleichen. Zu den „anregenden Zusätzen“ gehören darüber hinaus Grafiken und Fotos. Sie wissen ja: Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte.

 

Lesetipp: Langer/Schulz von Thun/Tausch: „Sich verständlich ausdrücken“, Ernst Reinhard Verlag, München 2011

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Referenzen

Dr. Matthias Alexander, F.A.Z.:
"Für die hervorragenden Fortbildungen, die Sie in unserem Hause abgehalten haben, möchte ich mich ganz herzlich bei Ihnen bedanken. Das Training der Kollegen im Verfassen von Vorspännen macht sich in der täglichen Arbeit bemerkbar: Die Texte geraten spannender und informativer als zuvor, was den Leseanreiz erhöht. Auch die Resonanz unter den Redakteurinnen und Redakteuren auf Inhalt, Form und Atmosphäre Ihrer Seminare war durchweg positiv. Ich habe Sie in anderen Ressorts der F.A.Z. schon weiter empfohlen."
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