Der gute, alte Nominalstil

Bernd Wurm aus Frankfurt am Main hat eine interessante Software entwickelt. Sie heißt BlaBlaMeter und misst den Anteil heißer Luft in Texten.

Natürlich hat die FAZ diesen Geigerzähler des schlechten Stils sofort ausprobiert. Die Frankfurter Edelfedern hatten allerdings nicht den Schneid, dem „BlablaMeter“ gleich ihre eigenen Ergüsse zum Fraß vorzuwerfen. Satt dessen verabreichten sie ihm erst einmal Auszüge aus Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“, die Einleitung von Karl-Theodor zu Guttenbergs Doktorarbeit und das FDP-Parteiprogramm.

Mit 0,27 auf dem nach oben offenen Bull-Shit-Index schnitt Sarrazin mit Abstand am besten ab. (Guttenberg: 0,45; FDP:0,49 ). Nachdem die FAZ den „BlablaMeter“ mit dieser Auswahl an Texten mürbe gemacht hatte, veröffentlichte sie einen Beitrag darüber auf faz.net und ließ die Leser erleichtert wissen, dass dieser Online-Text mit 0,14 sogar besser dasteht als das Johannes-Evangelium (0,2).

„Hochwertige journalistische Texte liegen in der Regel zwischen 0,1 und 0,3“, konstatiert BlaBlaMeter-Erfinder Wurm. Die TAZ hat Wurm in einem Interview gefragt, woran sein digitaler Reich-Ranicki die Qualität von Texten festmacht.

Er nannte drei Faktoren: der „BlablaMeter“ zählt die Phrasen, die ein Autor drischt; er sucht nach Bandwurmworten, wie Politiker und Feuilletonisten sie lieben; und er fahndet nach Anzeichen für den Nominalstil.

Ach, der gute, alte Nominalstil! Jetzt hackt neben Ausbildungsredakteuren und selbst ernannten Sprachpäpsten auch noch der wurm’sche Blabla-Algorithmus auf ihm herum. Das hat der Nominalstil nicht verdient. Nehmen Sie zum Beispiel den Beipackzettel für das Schmerzmittel „Ibu 400 akut“! Unter Nebenwirkungen steht da: „Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Blähungen (…) sind nach Anwendung berichtet worden.“

Da. Nominalstil. Und? Plädiert hier im Ernst jemand für möglichst starke Verben?

Steffen Sommer, Stuttgart im November 2011

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Dr. Matthias Alexander, F.A.Z.:
"Für die hervorragenden Fortbildungen, die Sie in unserem Hause abgehalten haben, möchte ich mich ganz herzlich bei Ihnen bedanken. Das Training der Kollegen im Verfassen von Vorspännen macht sich in der täglichen Arbeit bemerkbar: Die Texte geraten spannender und informativer als zuvor, was den Leseanreiz erhöht. Auch die Resonanz unter den Redakteurinnen und Redakteuren auf Inhalt, Form und Atmosphäre Ihrer Seminare war durchweg positiv. Ich habe Sie in anderen Ressorts der F.A.Z. schon weiter empfohlen."
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