Klischees so weit das Auge reicht

Sie wollen Reisejournalist werden? Nichts leichter als das. Sie müssen dafür nicht einmal verreisen. Alles was Sie brauchen, ist ein Internetzugang, eine Flasche Wein und eine Liste Phrasen, ohne die keine vernünftige Reisereportage auskommen kann.

Für den Wein (zur Inspiration) und den Internetzugang (schließlich müssen Sie recherchieren) müssen Sie selbst sorgen. Die Klischees liefere ich: Beginnen Sie Ihre Reportage in jedem Fall mit der Ankunft am Zielort. Wenn Ihnen kein Einstiegssatz einfällt, nehmen Sie diesen: „Nach soundsoviel Stunden landet die Fokker/Boeing747/der Airbus A310 auf dem Flugfeld von Wasweißichwo“.

Im nächsten Satz müssen Sie beschreiben, wie es mit der Luft aussieht: „Die Luft in Wasweißichwo dampft, ist erfüllt vom Duft der Kirschblüten, scheint zu vibrieren, ist irgendwie durchsichtiger als in München“.

Wenn Sie eine Städtereise schildern, machen Sie so weiter: „Wasweißichwo ist eine der spannendsten Metropolen/schläft nie/ist die quicklebendige Hauptstadt von Soundso und im Herzen der Stadt erstrahlt ein einzigartiges Ensemble.“

Steht die Natur im Vordergrund, sollten Sie diese für Ihre Leser erlebbar machen. Schreiben Sie von schneeweißen Stränden, azurblauem Wasser, atemberaubenden Sonnenuntergängen und von bizarren Felsformationen!

Apropos Felsen: Selbstverständlich revanchiert sich die Bergwelt in jedem ordentlichen Gebirgstext mit sagenhaften Ausblicken bei den Wanderern (noch besser: Gipfelstürmern).

Zum Schluss müssen Sie alles noch einmal zusammenfassen: „Faszinierend und beeindruckend zugleich ist das heutige Wasweißichwo mit seinen großen Städten, seinen pittoresken Dörfern in der Abgeschiedenheit ländlicher Idylle. Besonders lebendig wird das Land durch die Begegnung mit seinen gastfreundlichen Menschen.“ Prost!

Steffen Sommer, Stuttgart im April 2011

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Referenzen

Dr. Matthias Alexander, F.A.Z.:
"Für die hervorragenden Fortbildungen, die Sie in unserem Hause abgehalten haben, möchte ich mich ganz herzlich bei Ihnen bedanken. Das Training der Kollegen im Verfassen von Vorspännen macht sich in der täglichen Arbeit bemerkbar: Die Texte geraten spannender und informativer als zuvor, was den Leseanreiz erhöht. Auch die Resonanz unter den Redakteurinnen und Redakteuren auf Inhalt, Form und Atmosphäre Ihrer Seminare war durchweg positiv. Ich habe Sie in anderen Ressorts der F.A.Z. schon weiter empfohlen."
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