Vergewaltigte Wörter

Manche Wörter würden schreien, wenn sie könnten. Zum Beispiel das Wörtchen elterlich. „Ich will kein Adjektiv sein!“, würde das kleine elterlich seinem Autor ins Gesicht brüllen. „Bitte, lass mich sein, was ich bin: ein strahlendes Hauptwort, ein wunderschönes Substantiv!“

Doch Wörter können nicht schreien. Und so schreiben viele Autoren dumpfe, grausame Sätze wie diesen: „Gustav übernahm den elterlichen Hof.“ Was spricht dagegen, es einfach so zu sagen: „Gustav übernahm den Hof seiner Eltern“?

Womöglich bereitet es manchen Schreibern Lust, einst stolze Hauptwörter wie „Eltern“, „Ort“ oder „Hand“ so lange zu quälen, bis aus ihnen schwache, verschüchterte Adjektive und Adverbien geworden sind, deren Winseln keiner mehr hört: elterlich, örtlich, händisch…

Bestürzend ist, dass derlei Misshandlungen sich nicht im Verborgenen zutragen, sondern unter den Augen der Öffentlichkeit auf Zeitungs- und Internetseiten. Zum Beispiel schrieb ein Feuilletonist der „Stuttgarter Zeitung“ einen Text zum hundertsten Geburtstag von Max Frisch. Darin dieser Satz: „Das Schild beseitigt letzte womögliche Zweifel jener, die Schriftsteller ausschließlich mit brüchigen Bücherrücken in Verbindung bringen.“

Abgesehen davon, dass kein Mensch dies je getan hätte, ist und bleibt womöglich ein Adverb, ein Wort, das Verben – Tunwörter – näher beschreibt. Es neben den Zweifel zu stellen, um diesen genauer zu erklären, ist Blödsinn.

Als Lena Meyer-Landrut zum zweiten Mal beim Eurovision Song Contest angetreten war, um ihren Titel zu verteidigen, schrieb hinterher ein Journalist: „Von den Fans in der Arena wurde der Auftritt mit großem Jubel und vielen schwenkenden Deutschlandfahnen begleitet.“

Wer sich Deutschlandfahnen schon einmal aus der Nähe angesehen hat, weiß, dass diese nichts schwenken können. Selbst, wenn sie es noch so sehr wollten – die schwenken nichts!

Steffen Sommer, Stuttgart im September 2011

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